Bergvolk: Dynastie der Dromenreiter
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Teil 2
... Band 4: Der Wanderdrache Terravox ... Im Jahr 3865 des Lichtkalenders erlebte Aquila unbeständiges Wetter, während das Landesinnere von Amphoreus von abwechselnden Dürren und Überschwemmungen heimgesucht wurde. Die Ernten fielen aus, bevor sie eingebracht werden konnten, und das Land war übersät mit den Leichen der Verhungerten. Angesichts der Hungersnot wandten sich die Nationen den Schöpfungen der Erde zu und schlachteten ihre Artgenossen, um ihre Küchen zu füllen. Historischen Aufzeichnungen zufolge wurden Arten wie die törichten Furchtvögel und die Audubon-Tauben, die eigentlich in freier Wildbahn hätten gedeihen sollen, innerhalb von nur fünf Jahren bis zur Ausrottung gejagt. Um seine Art zu beschützen, führte Geokles die Legion der Dromenreiter immer wieder auf Raubzüge durch das Land. Mit jedem Feldzug erkannte der Bergbrecher deutlicher die Grausamkeit, die sich hinter der Maske der Zivilisation verbarg, die die Nachkommen Kephales trugen. Einmal hörte er den Todesschrei eines in zwei Hälften geteilten Dromas und sah, wie eine Chimäre in einem kochenden Kessel um ihr Leben kämpfte, während die Täter daneben standen und mit lechzenden Mündern darauf warteten, sie zu verspeisen. Nachdem er solche Schrecken immer wieder miterleben musste, wurde der einst ehrenhafte Held mit dem Titel Bergbrecher allmählich kalt, gewalttätig und rachsüchtig gegenüber allen anderen Völkern. Im Monat der langen Tage des Lichtkalenderjahres 3868 startete die Legion eine Expedition zur Halbinsel Silo Kossas, um die von der Schwarzen Flut eingeschlossenen Dromen zu retten. Sie überquerten die Idilia-Bucht, umgingen die Festung Kremnos, passierten die östlichen Ausläufer des Hains und kehrten zum Oleinus-Plateau zurück. Während sie die Ebenen von Dolos durchquerten, fanden sie ein Schlachtfeld vor: Ein riesiges Droma stand allein inmitten des Chaos und trug eine Gruppe Chimären auf seinem Rücken. Es war gigantischer und imposanter als jedes gewöhnliche Droma. Armeen aus nahegelegenen Stadtstaaten umzingelten es und beschossen es wahllos mit Pfeilen. Obwohl die Pfeile seine Haut nicht durchdringen konnten, fielen die Kleinen auf seinem Rücken eines nach dem anderen herunter. In diesem Moment war sein Körper so rot getränkt, als wäre er in ein Blutkleid gehüllt, und sein qualvoller Schrei erschütterte das Land. Geokles sah das und gab den Befehl zum Angriff. Die Dromenreiter stürmten wie eine Flut heran und zerstreuten die feindlichen Truppen in alle Richtungen. Der Bergbrecher eilte vorwärts, untersuchte die Wunden des großen Tieres und fragte nach der Herkunft der Angreifer. Das Tier gab keine Antwort. Geokles führte daraufhin die Droma-Legion in die Verfolgung und ritt direkt auf die Tore der Stadt zu. Die Mauern aus Erde und Stein brachen unter dem Gewicht der Legion zusammen, als wären sie aus Papier. Innerhalb weniger Augenblicke lag der halbe Stadtstaat in Schutt und Asche. Gerade als die Dromenreiter sich bereit machten, die letzten ihrer Gegner zu vernichten, stürmte die riesige Bestie vor und befahl ihnen, innezuhalten. „Die Bergbewohner haben Krieg noch nie gemocht. Wenn das euer Weg ist, wer seid ihr dann, dass ihr für uns sprecht?“ Geokles fand die Worte absurd. „Die Legion hat euch aus der Umzingelung gerettet, und jetzt wagst du es, mir Vorträge zu halten?“ Die beiden stießen inmitten der zerbrochenen Ruinen aufeinander. Der Häuptling der Bergbewohner hatte immer göttliche Kräfte für sich beansprucht und oft mit Dromen gerungen, ohne zurückzufallen. Doch dieses Mal gab das Tier nicht nach, egal, wie sehr er sich auch anstrengte. Stattdessen drängte es Geokles Schritt für Schritt zurück und rammte ihn dann mit voller Wucht gegen die Stadtmauer. Ziegel und Steine flogen durch die Luft. Der Kriegsherr blieb in der Mauer stecken, und es dauerte einige Zeit, bis er sich, bedeckt von Staub und Schmutz, wieder befreien konnte. ... Die Ankunft des mächtigen Terravox besiegelte den endgültigen Aufstieg der Dromenreiter zur Macht. In der Vergangenheit hatten die Bergbewohner Geokles als Anführer. Nun standen die Dromen unter dem Kommando des Königs der Dromen. Die Fallen, die einst gegen sie gebaut worden waren, waren nun bedeutungslos. In jeder Schlacht stürmte Terravox voran und verwandelte seine bergzerschmetternde Kraft sowie seine metallresistente Rüstung in eine Macht, die alle Hindernisse unter seinen Füßen zermalmte. Die wichtigste Aufgabe von Terravox bestand darin, die Armee von der noch immer herrschenden Gewalt zu reinigen. Zu dieser Zeit führte Geokles, der erste Bergbewohner, der sich mit einer Rebellenflagge erhob, seine eiserne Kavallerie durch die Stadtstaaten. Obwohl seine Sache gerecht war, verlor er nach und nach sein Mitgefühl. Nachdem sie das Lager betreten hatten, weckte Terravox das alte Gefühl der Güte der Bergbewohner wieder. Mit unvergleichlicher Kraft zerschlug er die feindlichen Reihen. Mit unerschütterlicher Autorität setzte er dem sinnlosen Gemetzel ein Ende. Zunächst blieb Geokles misstrauisch, dass ihre Gegner Rache nehmen könnten. Doch als er Terravox’ disziplinierte Befehlsgewalt sah und erkannte, dass selbst die Armee von Kremnos die Droma-Legion nicht erschüttern konnte, legte er seine Zweifel beiseite und schenkte ihm sein Vertrauen. Mit der Zeit wurden diese beiden Helden, die so unterschiedlich waren, engste Verbündete. Terravox milderte den Zorn des Bergbrechers mit seiner Sanftmut, während die harte Art des Bergbrechers auch bei Terravox seine Spuren hinterließ. Die alten Dromen, die seit über fünf Jahrtausenden getrennt von den Menschen gelebt hatten, verstanden zum ersten Mal, was es bedeutete, beschuldigt zu werden, die Grausamkeit der menschlichen Herzen zu erleben und ... Verrat zu erfahren. Als jemand, der einst das Gesetz seiner Vorfahren gebrochen und seine Heimat verlassen hatte, verstand Geokles diese Dinge nur zu gut. Vor dem Leviathan, der niemals einen Eid gebrochen hatte, gab er die Philosophie des Verrats und des Überlebens nicht mit Worten weiter, sondern durch jede seiner Handlungen. Zu diesem Zeitpunkt war die Verbindung zwischen Mensch und Tier bereits untrennbar geworden. Über fünfzig Jahre später, während des Angriffs auf Georios, musste der Bergbrecher mit ansehen, wie sein vertrautester Kamerad zum Verräter wurde und wie die einst unbesiegbare Droma-Legion gleich einem gebrochenen Damm zusammenbrach. Er weigerte sich, sich zu ergeben, und stürzte in einen felsigen Abgrund. „Nur das Überleben ist blinde Loyalität wert. Alles andere kann verraten werden.“ ...
