Die große Krise des Phantasmonds im Wandel der Zeit am Ende des Jahrhunderts
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Die große Krise des Phantasmonds im Wandel der Zeit am Ende des Jahrhunderts
Ein von einer unbekannten Person verfasster Forschungsbericht über den „Phantasmond“. Der erste Abschnitt ist von bemerkenswerter Detailfülle, während der zweite Abschnitt offenbar hastig abgeschlossen wurde. Auszüge daraus lauten wie folgt ... Untersuchungsbericht (Teil Eins) Hoch oben am Himmel von Planarcadia hängt ein Mond. Die Menschen hier nennen ihn den Mond des Hochgefühls, auch bekannt als „Phantasmond“. Ob Tag oder Nacht, ganz Planarcadia badet im Schein dieser Mondphase. Die Menschen nehmen die Existenz des „Phantasmonds“ als selbstverständlich hin. Doch noch bevor das Raumschiff, mit dem ich reiste, überhaupt gelandet war, genügte ein Blick durch das Sichtfenster, um unmittelbar zu erkennen, dass er sich grundlegend von allem unterscheidet, was wir gemeinhin darunter verstehen. Es handelt sich um einen Mond, der gerade ein Lächeln zeigt. – An dieser Stelle sei angemerkt: Jeder Himmelskörper, der über einen „Gesichtsausdruck“ verfügt, kann per definitionem nicht als realer Satellit im astronomischen Sinne gelten. Ganz recht: Obwohl unter dem Mond der Strom der Passanten nicht abreißt und auch der Mond selbst scheinbar einem Wechsel von Zu- und Abnahme unterliegt, halte ich ihn aus der Perspektive eines externen Besuchers nicht für einen echten Mond. Untersuchungsbericht (Teil Drei) ... Mit der Genehmigung der Pearluxe Corp konnte ich während der Instandsetzung meines Raumschiffs das Archiv von Planarcadia betreten, in dem versiegelte Bildrollen und antike Bücher aufbewahrt werden. Dort nahm ich Einsicht in die historischen Aufzeichnungen aus jener Epoche, in der dieser Ort noch als das „Benzaitengoku“ bekannt war. Selbstverständlich galt das größte Interesse dabei dem „Phantasmond“ selbst. Den Quellen zufolge ist das Lächeln des „Phantasmonds“ keineswegs unveränderlich. In der Vergangenheit zeigte er auch Trauer, Spott oder Sorge, als wäre er lebendig. Jede Veränderung im Ausdruck des „Phantasmonds“ galt dabei als Vorzeichen eines Ereignisses von erheblicher gesellschaftlicher Tragweite in Planarcadia. Während der mehreren Dutzend Tage meiner Untersuchungen vor Ort konnte jedoch keinerlei Abweichung oder Anomalie beobachtet werden. – Anmerkung: Interpretiert man dies anhand der Theorie des kollektiven Unbewussten, scheint der Gesichtsausdruck des „Phantasmonds“ eine Manifestation eines Gruppenbewusstseins zu sein. Die Bewohner von Planarcadia jedoch behaupten: Dies sind die vielfältigen Gesichter des Gottes des Hochgefühls, Aha. ... Die Imagenaes von Planarcadia sind in ihrer Existenz auf Wunschkraft angewiesen. Die Stärke dieser Wunschkraft steht in einem Zusammenhang mit Zu- und Abnahme des „Phantasmonds“, lässt sich jedoch nicht durch populäre Erklärungen wie „der Vollmond erweckt Werwölfe“ vereinfachen. Ich suche derzeit nach einer präziseren und wissenschaftlich fundierteren Beschreibung dieses Zusammenhangs ... Untersuchungsbericht (Teil Sechs) ... Da ich ohnehin mit einem Raumschiff hierhergekommen bin, warum sollte ich nicht auch versuchen, mich mit demselben Schiff dem „Phantasmond“ zu nähern und dort zu landen? Seitdem mir dieser Gedanke gekommen war, begann ich mit den Vorbereitungen für eine Landung auf dem Mond. Zu meiner Überraschung waren dafür kaum Meldungen oder Genehmigungsverfahren erforderlich. Es gab keinerlei offizielle Hindernisse, und mein Raumschiff ließ sich äußerst reibungslos starten. Den Blick auf diesen Mond im tiefblauen Himmel gerichtet, spürte ich mit der allmählichen Verringerung der Distanz, wie meine Stimmung gleichsam von seiner Gravitation erfasst wurde und unaufhaltsam anstieg. Gleich ... gleich ... Doch in dem Augenblick, als ich im Begriff war, die Oberfläche zu erreichen, machte ich eine erschütternde Entdeckung: Die Oberfläche des „Phantasmonds“ war überhaupt nicht für eine Landung geeignet! Er glich einer hauchdünnen, von Öl durchtränkten Schicht Papier, die mein Raumschiff mühelos durchdrang ... Nein. Nein. Alles war falsch. Wie konnte das sein? Ich wachte schweißgebadet aus dem Traum auf! Plötzlich wurde mir bewusst, dass all das gerade nur ein Traum gewesen war. Der „Phantasmond“ hing immer noch hoch am Himmel, und obwohl er ein Lächeln zeigte, war er noch immer weit entfernt von mir. Mein Raumschiff war auch noch nicht repariert. In meiner Enttäuschung lachte ich bitter auf: Es muss einen Grund geben, der die Menschen davon abhält, zum Mond zu fliegen, oder? Andernfalls hätten die Leute aus Planarcadia das schon längst umgesetzt. Warum musste ausgerechnet ich damit beauftragt werden, ihn zu untersuchen? Untersuchungsbericht (Teil Sieben) ... Die Zeit verging schnell, und bald war das Ende des Jahrhunderts erreicht, das Jahr 1999. Die Mondphase veränderte sich, und die Menschen sagten: Der „Phantasmond“ wird bald voll sein. Seit ich diesen Traum hatte, überkommt mich jedes Mal, wenn ich den „Phantasmond“ betrachte, ein Gefühl der Unruhe. Wahrscheinlich ist es eine Nachwirkung des Albtraums, oder leide ich vielleicht an einer psychischen Störung namens „Mondphobie“? Oder könnte es sein, dass je tiefer ich recherchiere und je mehr Informationen ich erhalte, umso mehr unbewusste Ängste in meinem Geist implantiert werden? Die Reparaturarbeiten an meinem Raumschiff sind abgeschlossen. Ich habe beschlossen, diese Erkundung vor der nächsten Runde der Phantasmond-Spiele zu beenden und Planarcadia zu verlassen. Dieses Mal wird mein Raumschiff erneut dicht am „Phantasmond“ vorbeiziehen, vermutlich so nah wie nie zuvor. Doch ich habe den Gedanken aufgegeben, mich ihm weiter anzunähern. Im Moment des Starts schien es mir, als würde der nahezu volle Mond einen Ausdruck von Mitleid zeigen. Doch nur einen Wimpernschlag später hatte der „Phantasmond“ wieder sein Lächeln angenommen, ganz so wie immer. Das war wohl nur meine Einbildung. ...
