Bartoli Mirandas Notizen (Auszug)
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Bartoli Mirandas Notizen (Auszug)
... Intelligentes Leben hat im Allgemeinen ein geradezu krankhaftes Verlangen danach, „gesehen zu werden“. Nicht nur die Imagenaes, die von Aufmerksamkeit leben, auch kohlenstoff- oder siliziumbasierte Lebensformen sind davon betroffen. Wenn sie wütend sind, schreien sie laut, weil sie gesehen werden wollen. Wenn sie traurig sind, schluchzen sie leise, weil sie gesehen werden wollen. Sie treten im Fernsehen auf, spielen in Filmen, singen, debattieren, regieren, alles nur, um gesehen zu werden. Ich will auch gesehen werden. Aber zwischen mir und den meisten Menschen gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die meisten Menschen „wollen“ gesehen werden, während ich gesehen werden „sollte“. Die Welt sollte mehr auf Menschen wie mich schauen und nicht auf die Idioten im Fernsehen, die im nächsten Moment schon wieder vergessen sind. 1986, damals war ich noch Assistenzärztin, habe ich an der Entwicklung der „Stonar-Methode“ zur Behandlung der narrativen Strukturfragilität bei Imagenaes mitgewirkt. Die Zeitungen bezeichneten es als „den größten medizinischen Fortschritt des zweiten Jahrtausends in Planarcadia“. Meiner Ansicht nach sollte man es allerdings die „Bartoli-Methode“ nennen. Schließlich kam Stoner erst durch meine Hinweise zu seinen Schlussfolgerungen. Ganz zu schweigen davon, dass ich in jenen Jahren auch den Kaffee für das gesamte Forschungsteam besorgt habe. Aber ich habe nicht vor, es Stonar schwerzumachen. Schließlich ist auch er jemand, der es wert ist, gesehen zu werden, nur eben mir ein wenig unterlegen. Und trotzdem interessiert sich niemand für ihn. Sein Lebensabend ist trostlos: nicht aus Armut, denn er ist durchaus wohlhabend, sondern aus Bedeutungslosigkeit. Ich habe noch nie einen so ausgemergelten Ploo gesehen. Imagenaes, um die sich niemand kümmert, enden alle so. So will ich niemals werden. Ich muss mir zurückholen, was mir zusteht, die Aufmerksamkeit, die mir gebührt. Von diesen kurzlebigen Idioten. ... Die medizinische Ausbildung, die ich ursprünglich erhalten habe, und die plastische Chirurgie für Imagenaes sind im Grunde zwei völlig unterschiedliche Fachgebiete. Zum Glück bin ich von Natur aus deutlich klüger als die meisten anderen, und habe beides gemeistert. Imagenaes können keine Imagenaes erschaffen. Das ist ein unumstößliches Gesetz, das das Gelächter bei der Erschaffung dieser Welt festgelegt hat. In diesem Sinne handelt es sich bei dem, was sogenannte plastische Chirurgen für Imagenaes tun, faktisch bereits um einen Akt des Widerstands gegen die natürliche Ordnung der Äonen: Sie setzen sich über das von den Sternengöttern bestimmte Gesetz hinweg und erschaffen ihre eigenen Regeln. Ich kann nicht aus dem Nichts Imagenaes erschaffen, weil Wunschkraft nicht aus meinem Körper herausfließen und sich zu einem anderen Individuum verdichten kann. Aber ich kann die Gestalt anderer Imagenaes umformen. Ein Horn anders formen, den Lippen eine andere Farbe verleihen, der Haut bunte Muster hinzufügen, aus den Flanken ein Flügelpaar sprießen lassen ... Mit solchen winzigen Anpassungen kann ich gewaltige Wunder erschaffen. Organe, die auf diese Weise vorübergehend angepasst wurden, sind oft instabil. Wie bei einem aufgeblasenen Ballon ist der Kern die Nichtigkeit, ohne jegliche narrative Struktur als Stütze. Sie verlieren auch wie ein Ballon allmählich an Luft. Zum Beispiel kann ich einem Orch ein Horn auf dem Kopf wachsen lassen. Ohne jede strukturelle Stütze würde dieses Horn jedoch schon bald wieder verschwinden und lediglich eine kahle, grüne Stirn zurücklassen. Steht dieses Horn jedoch fortan im Fokus der Aufmerksamkeit, wird es nach und nach von Wunschkraft erfüllt, gewinnt an struktureller Stabilität und verfestigt sich dauerhaft in der Körperstruktur des Orchs. Es ist dann kein fragiler Hohlkörper mehr, sondern vollständig verankert. Prinzipiell betrachtet gilt: Wenn ich auf diese Weise genügend Imagenae-Komponenten züchte und warte, bis ihre Wunschkraft voll aufgeladen ist, und diese Komponenten dann entferne und sie zu einem neuen Individuum zusammensetze, dann würde ich zweifellos das Gesetz „Imagenaes können keine Imagenaes erschaffen“ verletzen und ein völlig neues Imagenae erschaffen haben. Nur bringt so was nichts. Es ist viel wertvoller, sie alle auf mich zu transplantieren. ... Wenn ich in einer Klinik für plastische Chirurgie Klinik arbeiten würde, müsste ich ihren Vorgaben folgen und für jeden dahergelaufenen Trottel Operationen ansetzen. Das widerspricht total meiner ursprünglichen Intention. Erstens: Nicht jedes Imagenae erhält nach der Operation genug Aufmerksamkeit, sodass das neu imagenierte Organ ausreichend mit Wunschkraft erfüllt wird. Zweitens: Diese Menschen und die Körperteile, die sie verändern lassen wollen, müssen nicht unbedingt mit mir textuell ähnlich sein. Unter Imagenaes kann nur bei gemeinsamer textueller Resonanz überhaupt eine Verschmelzung stattfinden. Die Izol-Klinik ist dafür ein idealer Arbeitsplatz. Er selbst versteht nichts von der plastischen Chirurgie für Imagenae, sieht aber großzügig über meine Nebentätigkeiten hinweg. So kann ich frei nach meinen eigenen „Kunden“ suchen: Sie müssen einerseits ausreichend Aufmerksamkeit erhalten (dabei jedoch auch nicht zu sehr im Rampenlicht stehen) und andererseits zu mir textuell kompatibel sein. Dies ist ein langfristiges Projekt. Wie bei der Saat im Frühling und der Ernte im Herbst ist nun der Zeitpunkt gekommen, die Samen zu verteilen. Meine erste „Pflanze“ hat angebissen. Eine Streamerin namens Embervox, eine Ploo, die Beauty-Content macht, aber bisher immer mittelmäßig erfolgreich. Bis ich ihr sagte, dass sie schönere Lippen braucht. Ich habe sie nicht angelogen, sie braucht sie wirklich. Nur dass ich sie noch mehr brauche. Als Nächstes muss ich den Plan für die Ernte im Voraus ausarbeiten. Ich denke, wenn ich unter dem Vorwand einer Nachuntersuchung vorbeischaue, sollte ich die Wachsamkeit des Gegenübers zerstreuen können. Zu diesem Zeitpunkt sollte ich dann ██████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████████ (Der nachfolgende Text wurde von der Abteilung für Aberrationsabwehr großflächig geschwärzt. Es dürfte sich um Inhalte handeln, die für die Öffentlichkeit nicht geeignet sind.) ... Zum Schluss bleibt noch eine Frage übrig. Wenn mein gesamter Körper von Teilen anderer Imagenaes überzogen ist, bedarf es ebenfalls einer großen Menge an Wunschkraft, um die Struktur dieser Teile vollständig zu stabilisieren, damit sie wahrhaft zu mir gehören. Sobald die gesamte Ernte abgeschlossen ist, werde ich mich der Öffentlichkeit aussetzen müssen. Das könnte bedeuten, verhaftet oder sogar getötet zu werden. Es ist mir egal. Wie lange ich noch lebe, interessiert mich nicht. In der heutigen Zeit kann jeder für fünfzehn Minuten berühmt sein. Ich will einfach meine fünfzehn Minuten. ...
