Ailas Notizen
Content
Ailas Notizen
... Wie Lovia, wie meine Schwester, habe auch ich gelogen. Als Solovei mich fragte, ob ich Hass empfinde, habe ich Nein gesagt. ... Aber wie hätte ich ihm mit Worten meinen Hass beschreiben können? Wie hätte eine so gütige und aufrichtige Person wie er diese schreckliche Boshaftigkeit verstehen können? ... Nein, solche Gedanken sollte man nicht haben und man sollte sie niemandem erzählen. Solovei muss diese unwichtigen Dinge nicht wissen, denn wer all das nicht selbst erlebt hat, ist nicht verpflichtet, sich das Leid anderer anzuhören. Selbst wenn er wirklich bereit wäre zuzuhören, selbst wenn er aus Freundlichkeit Tränen vergießen würde ... was würde es nützen? Es würde nur ein weiteres sanftes Herz sinnlos verletzen. In der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat Lovia mir durch Zufall unzählige Fäden gezeigt und nur die guten Menschen, die eigentlich lachen sollten, weinen über das Unglück anderer. Da die Regeln der Welt unter dem Mond immer so sind, dass Gutes mit Bösem vergolten wird, sollte ich ihm zumindest keine unnötige Traurigkeit mehr bereiten. ... Früher hasste ich Lügen, doch nun erfinde ich selbst welche ... Vielleicht sind die letzten zehn Jahre (...) die Strafe für diesen Moment ... ... Aber das macht nichts ... Von der reichen Tochter des Salzes bis hin zu den Nachkommen der Fee von Gurabad, es gibt unzählige Unschuldige, die die Todesstrafe erleiden mussten, ganz zu schweigen von Menschen wie mir, die mit (...) befleckt sind. Wenn die silberweißen Fäden sich bereits um meinen Hals gewickelt haben, dann lasst mich noch mehr unverzeihliche Sünden begehen, damit die Kinder, die noch nicht befleckt sind, verschont bleiben ... ... Mit Ausnahme der riesigen Säulen, die die Nachkommen der Drachen hier errichtet haben, also dem Heiligtum, das unsere Vorfahren als Zufluchtsort betrachteten, sollten alle Stadtmauern, hohen Türme, Festungen und Tempel abgerissen werden ... Was vom Frostmond kommt, sollte dem Frostmond zurückgegeben werden, denn lange Isolation und Abgeschlossenheit fördern nur kurzfristige Ambitionen und Wahnvorstellungen. Verehrt die Natur, seid freundlich zu den Fremden und lasst uns durch die Moral, an die niemand glaubt, und nicht durch den Stolz der Verstorbenen, unsere Fäden von denen der anderen unterscheiden. So wird es keine weitere Lovia geben, niemand weiteres wie mich ... ... Nach Jahrzehnten wird eine neue Mondgöttin geboren ... Wie ironisch, all das, wonach Lovia so verzweifelt gesucht hat, war am Ende doch vergeblich. Selbst wenn (...) der heilige Erbe geboren wird und nicht der Mann, der die Schwester entführen hat – derjenige, der eigentlich unser König werden sollte, wird nur noch mehr Chaos in Snezhnaya verursachen. Die Geburt des Neumonds hat nichts damit zu tun, was sie getan hat. Sie konnte nicht einmal die Geburt dieses Mädchens vorhersehen und wusste auch nicht, dass der heilige Thron niemals zerbrochen war ... ... Ich weiß nicht, ob ich diesen Moment noch erleben werde. Ich kann meinen eigenen Faden nicht klar erkennen, aber ich hoffe, dass es nicht der Fall sein wird. Diejenigen, die sich einer Sünde schuldig gemacht haben, sollten das makellose Mondlicht nicht sehen dürfen ... ... Auf jeden Fall sollten die Leute davon überzeugt werden, dass der Neumond nur über gute Taten, Freundschaft und gegenseitige Hilfe erfreut ist, und dass darüber hinaus keine Form von Gebet oder Opfergabe unseren Göttern gefallen kann. Die Leute sollten daran glauben, sie müssen daran glauben, sonst werden selbst die edelsten Ideale im Schmutz des Mondlichts ihre ursprüngliche Farbe verlieren ... ... Die Fäden der Götter sind zu grell, sodass ich nicht sehen kann, wohin sie gehen will. Doch zumindest müssen die Nachkommen des Frostmonds, die durch ihren Namen Erlösung erfahren haben, sicherstellen, dass die Entscheidungsgewalt allein in ihren Händen liegt ... Sie sollten keine Gegenleistung von ihr einfordern und sie sollte in den Herzen der Leute nicht zur perfekten Göttin stilisiert werden ... ... Tochter des Frostmonds, Mädchen des Neumonds ... Möge sie glückliche Träume haben ... Möge der Frostmond mir meine Sünden nie vergeben, denn ich habe ihren Namen unzählige Male verflucht.
